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Gerhard Richter

Richter: Werk, Person, Relevanz

„Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen. Ich halte nichts von fachlichen Problemen, von Arbeitsthemen, von Variationen bis zur Meisterschaft. Ich meide jede Festlegung, ich weiss nicht, was ich will, ich bin inkonsequent, gleichgültig, passiv, ich mag das Unbestimmte und Uferlose und die fortwährende Unsicherheit“ (Notizen, 1966, S. 46).

Standpunkt

Es ist schwer zu erklären, welche Faszination Gerhard Richter schon immer auf mich ausgeübt hat.

Ist es sein internationales Renomme? Sind es die schier unglaublichen Preise, die für seine Werke auf Auktionen aufgerufen werden? Ist es seine Person, sein ruhig-verhaltenes Wesen, sein NRW-Sprech, der leicht frotzelnd dabei stets den Schalk im Nacken sitzen hat? Sind es die dunklen Geschichten seiner Familie, braun gefärbt, aus unser aller deutschen Vergangenheit? Seine Ver- und Getriebenheit? Oder sind es einfach Richters meisterhaft-kühlen Werke, das Vage im Duktus, die Präzision der Komposition, das Subtile im Bild, das letztlich jedes Gefühl auf der Leinwand negieren möchte?​ Genau kann ich es nicht benennen. Es ist wohl von allem etwas.

Bei der Beschäftigung mit Gerhard Richters Werk fällt jedoch eines ganz klar ins Auge: Das, was zu sehen ist, ist Resultat eines intensiven Findungsprozesses. Gerhard Richters Werk setzt sich aus Autobiografie, Zufall, historischem Kontext und profundem technischem Know-how zusammen. Die Genese seiner Werke liegt dort, wo diese Bereiche ineinander verschwimmen und ein unvergleichbares Werk hinterlassen.​​​​

Gerhard Richter – wie fing alles an?

Richter: Studium (1951-56)

5 Jahre Studium an der Hochschule der Bildenden Künste Dresden brachten ihm eine solide Ausbildung in Portraitmalen und Figurstudien ein. Richter erlangte ein solides Fundament an handwerklichem Können für seine weitere Laufbahn.

Auffallend hier: Richters Vorliebe für komplexe, vielschichtige und groß-formatige Figurenkompositionen – Richter hatte ein starkes Interesse an realistischer Wandmalerei. Darum entschied er sich auch für ein Wandbild in Dresdner Hygienemuseum von 1956 mit dem Namen „Lebensfreude“ als seine Diplom-/bzw. Abschlussarbeit.

2024 wurde es nach langer Übermalung wieder teilfreigelegt. Es zeigt tanzende Kinder, Verliebte und Freunde – ganz im Stil des sozialistischen Realismus

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Gerhard Richter: "Lebensfreude"
Dresdner Hygienemuseum
Jahr: 1956


Richter-Exkurs: Was ist der Sozialistische Realismus?

Richter wurde nach dem Imperativ des sozialistischen Realismus ausgebildet, was die offizielle Kunstdoktrin der Sowjetunion und anderer sozialistischer Staaten der 1930-80er Jahre war. Die Leitlinien waren: Einerseits die Verherrlichung des Sozialismus, andererseits die Erziehung der Bevölkerung durch Kunst im Sinne eines marxistisch-leninistischen Weltbildes.

Merkmale des Sozialistischen Realismus:

  • Realistische Darstellung d. Figurenpersonals

  • Betonung des Alltags, der Gegenwart

  • Positiv-optimistische Aufbruchsstimmung, die stark in die Zukunft zeigt

  • Fokus lag auf der Arbeiterklasse z. B. Arbeitern und Bauern

  • Verherrlichung von Feldherren als Helden

Generell instrumentalisierte der sozialistische Realismus die Kunst als Erziehungs- und Propagandamittel und wurde 1932 in der Sowjetunion zur verbindlichen Norm. Später prägte er auch die DDR.

Gerhard Richter galt der sozialistische Realismus als Verhandlungsgrundlage seiner Kunst zur damaligen Zeit, die Basis, die, so wird sich zeigen, lediglich seine Basis war, die ihm gelehrt wurde. Dennoch: Bei all späteren Stilbrüchen, an denen sich Richter abarbeitete: Aufgrund des Fundaments, das er an der Hochschule für Bildende Künste Dresden erfahren hatte, war er stets im Vergleich zu anderen Künstlern handwerklich sehr, sehr hochstehend.

Der Westen öffnete Gerhard Richter die Augen

Richter reiste durch Westdeutschland

1955: Richter reiste durch Westdeutschland, um aktuelle Strömungen in der Kunst kennenzulernen. Natürlich war das Kunst, die in der DDR nicht gezeigt worden ist: Abstrakter Expressionismus, Informel, frühe Pop Art, die aus den USA kam. Es kann angenommen werden, dass er Werke von Willi Baumeister, Fritz Winter, Emil Schumacher oder etwa Karl Otto Götz sah. Denkbar sind so auch Besuche in Kunsthalle Düsseldorf, Museum Ludwig in Köln, Städtische Kunstmuseum Bonn.

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Karl Otto Götz: "o.T."

Größe: 65,0 x 100,0 cm

Technik:Gouache auf Karton
Jahr: 1962

Schlüsselerlebnis 1: "The Family of a man"

Einem Interview zufolge sah er auch die Fotografieausstellung „The family of a man“, die ursprungs im Moma in New York, dann als Wanderausstellung auch in Berlin gezeigt worden ist. Diese versammelte 503 Fotografien von 273 internationalen Foto-Künstlern unter dem Dach einer Ausstellung. Purpose der Ausstellung: die Vermittlung einer universellen Sprache der Fotografie, um eine gemeinsame Menschlichkeit, unabhängig von Rasse, Kultur oder Religion hervorzuheben.

 

Der Maler Richter lernte hier die Wirkmacht eines Fotos kennen und war begeistert – ein wichtiges Schlüsselerlebnis für seine weitere künstlerische Laufbahn.

"The family of a man"
Ausstellungsansicht

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Schlüsselerlebnis 2: documenta II (1959)

1959: Auch reiste Gerhard Richter zur documenta 2 nach Kassel. Hier lernte er Werke des abstrakten Expressionismus, des Informel und vor allen Dingen die Drip Paintings von Jackson Pollock kennen, dessen „Frechheit“ in ihm lange nachhallen sollte. Allgemein betrachtet, lernte hier Richter, was zur damaligen Zeit en vogue war und erkannte rasch, dass ihn der ideologisch aufgeladene Sozialistische Realismus, seine künstlerische Wiege also, einengte und beschnitt. Andere Künstler waren bereits viel weiter.

Gerhard Richter erkannte den Widerspruch

Folgender Widerspruch wurde ihm gewahr: Es klaffte eine Lücke zwischen den unterdrückten Kunstkonventionen im Osten und dem freien Ausdruck für die Künste im Westen, was schließlich zu seiner Emigration in den Westen führte.

documenta II

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Richters Flucht nach Westdeutschland

1961: Richter floh und bekam ein Stipendium an der Kunstakademie Düsseldorf. Dort sieht er sich plötzlich den Einflüssen von Beuys, Cy Twombly, Karl Otto Götz (sein Klassenlehrer, dessen Werke er bereits bei der documenta 2 gesehen hatte) sowie Robert Rauschenberg ausgesetzt. Außerdem belebte die Fluxus-Bewegung mit interaktiven Kunstaktionen und Performances ganz Düsseldorf. Kurzum: Gerhard Richter sah sich einem vollkommen anderen Milieu ausgesetzt. So eine Freiheit und Experimentierfreudigkeit gab es im konventionellen Osten nicht.

Richter: "Ich habe die Scheissmalerei satt!"

Richter zeigte sich beeinflusst, offen, probierte sich aus. Schließlich war er aber höchst überfordert und von Grund auf irritiert, was ihn stark an seiner Malerei zweifeln ließ. Dies führte sogar zu der Äußerung: „Ich habe die Scheissmalerei satt!“
 

Er befand sich in einer absoluten Umbruchphase. Zunächst schien er verloren.

Dennoch: Selbst in dieser Umbruchphase erschien ihm die Malerei als unumgänglich: „(Die Malerei) ist Kommunikationsmittel, für das Bemühen um Fixierung der Anschauung, für die Bewältigung der Erscheinungen.“ Denn schließlich: „Man möchte das, was man sieht, was überhaupt da ist, begreifen und versucht es abzubilden.“

Richters künstlerischer Kompass ging eindeutig gen sichtbare Welt.

Worker with Ladder

Richter und Wirklichkeit

Er stand vor einem Problem. Seine Basis? Die abstrakte Malerei galt für Richter als per se überholt, und richtet sich nur nach innen, ein geschlossenes System also, losgelöst von der sichtbaren Wirklichkeit, eine Abkehr von der sichtbaren Welt.

 

Gleichzeitig erkannte Richter: Eine Kunst, die die Natur kopiert, war für ihn kein neuer Ansatz mehr, schließlich nicht mehr tragfähig. Verfolgt man seine persönlichen Notizen, richtet er seinen Fokus zu jener Zeit verstärkt auf die Unterscheidung zwischen Erscheinung und Realität: „Ich misstraue nicht der Realität, von der ich ja so gut wie gar nichts weiss, sondern dem Bild von Realität, das uns unsere Sinne vermitteln, und das unvollkommen ist, beschränkt.“ (Schön, 1972, S. 60)

Gerhard Richter beschwört hiermit ein grundlegend philosophisches Problem herauf, das auf Kant zurückgeht und später auf Schopenhauer übergeht: Unsere Realität, das, was wir als wirklich sehen, wird lediglich indirekt erfahren. Sie wird uns in mentalen Bildern dargestellt, hergeleitet mithilfe unserer Sinne: „Wir können uns doch nicht auf das Bild von Wirklichkeit verlassen, das wir sehen; denn wir sehen es doch nur, wie es uns unser Linsenapparat Auge zufällig vermittelt, plus den sonstigen Erfahrungen, die dieses Bild korrigieren.“ (Schön, 1972, S. 60)

"The family of a man"
Ausstellungsansicht

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Richter und das Nou-menon

Richters Problem zielt auf das No-menum ab, ein Begriff von Kant und Schopenhauer. No-menon: das bloß Gedachte, objektiv nicht Wirkliche; ein Begriff ohne Gegenstand, das mit dem Geist zu Erkennende im Gegensatz zu dem mit den Augen zu Sehende.​

Denn das, was wir sehen, ist uns von den Sinnen hergeleitet, die Natur der unseren, äußeren Welt bleibt unerkennbar, unerklärlich und rätselhaft – dies geht auf das Höhlengleichnis von Platon zurück. Die Welt findet bei Platon außerhalb der Höhle statt. Wir sitzen in einer Höhle und die eigentliche Welt spielt sich in unserem Rücken ab. Daher sehen wir nur ihre Schatten auf den Höhlenwänden – eine Projektion also. Weiterhin gilt es inzwischen als erwiesen​, dass wir zum signifikanten Teil mit unserem Gedächtnis sehen. Wir sehen nicht das, was objektiv da ist. Stattdessen sehen wir mithilfe von mentalen Bildern, die wir erlernt haben. Letztlich sieht niemand objektiv.

Gerhard Richter fand hierin eines seiner zeitlebens zentralen Themen: Die Dichotomie zwischen dem, wie Wirklichkeit wahrgenommen wird und dem, wie sie wirklich ist.

„Illusion – besser Anschein – ist mein Lebensthema [...]. Alles, was ist, scheint und ist für uns sichtbar, weil wir den Schein, den es reflektiert, wahrnehmen, nichts anderes ist sichtbar.“ (Notizen, 1989, S. 223)

Gerhard Richters zentrales Thema: Dichotomie von Illusion und Wirklichkeit

Richter erkannte nun, dass die nachahmende, naturalistische Kunst vollends subjektiv ist: Zeichnen, Farben aussuchen und auftragen, eine Bildkomposition bauen – allesamt vollends subjektive Akte eines Menschen, unter der Kontrolle eines vollkommen subjektiv handelnden Akteurs. Diese Art der Kunst, die naturalistische, bildet also mehr das Innenleben eines Künstlers ab als das sie die direkte Welt abbildet, mit der sie rein gar nichts zu tun hat. Kunst, so Richter, wie er sie kennt, wie er sie gelernt hat, ist also Verneblung – sowohl des Künstlers als auch des Betrachters.

 

Richter befand sich also an einem Scheideweg: Eine Abbildung der Welt muss aufgrund der gegebenen Erläuterungen zwangsläufig künstlich sein. Dennoch: [E]ine Anschauung haben, sich ein Bild machen, gehört aber unweigerlich zum Mensch-Sein dazu!“ (...)

 

Die Bewältigung dieses Widerspruchs bedeutete, dass Richter ein neues Medium, eine andere Art, die Dinge darzustellen, suchen musste: Seine Wahl fällt auf die Fotografie.

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